Inhaltsverzeichnis
Kritische Betrachtung: Risiken, Schattenseiten und Gegenargumente
Eine Wissensbasis ohne kritische Prüfung ist Propaganda, nicht Weisheit.
Die ehrliche Einschätzung
“Perfekt geeignet für” ist Propaganda. “Potenziell nützlich mit erheblichen Risiken” ist Weisheit.
1. KI-Abhängigkeit und ADHS-Suchtrisiko
Die Neurobiologie
- ADHS = Reward Deficiency Syndrome (verringerte Dopamin-Rezeptoren)
- ADHS-Gehirne suchen nach Stimulation, die Dopamin schnell und intensiv steigert
- Erwachsene mit ADHS-Symptomen erleben signifikant häufiger Technologiesucht (Bournemouth U.)
KI als Suchtvektor
- “Generative AI Addiction Syndrome” als neue Verhaltensstörung vorgeschlagen (Journal of Affective Disorders, 2025)
- AI Addiction Scale (AIAS-21) als klinisches Screening-Tool entwickelt
- Jeder neue Prompt = Neuheits-Kick. Jede generierte Lösung = Mikrobelohnung
- ADHS-Symptome und Technologiesucht stehen in einer bidirektionalen Beziehung: Jedes verstärkt das andere
Die tückische Qualität
Anders als bei Social Media FÜHLT sich die KI-Interaktion produktiv an. Eine Person mit ADHS kann stundenlang “mit KI arbeiten”, während sie tatsächlich Dopamin-suchendes Verhalten betreibt, getarnt als Produktivität.
2. Skill-Atrophie und erlernte Hilflosigkeit
Die Anthropic-Studie
- 52 Ingenieure in einem RCT: KI-Nutzer schnitten 17 % schlechter bei Kompetenzbewertungen ab
- Debugging-Fähigkeiten zeigten den stärksten Rückgang
- Muster: Vollständiges Delegieren -> progressives Offloading -> KI als Krücke
Warum ADHS-Betroffene anfälliger sind
- Ohnehin schwächeres Scaffolding der exekutiven Funktionen
- Stärkere Versuchung zum Offloading (KI gibt schnellere Belohnungen als Durchkämpfen)
- “Progressives Offloading” entspricht der Weg-des-geringsten-Widerstands-Tendenz bei ADHS
- Weniger erfahrene Lernende (viele ADHS-Betroffene nehmen nicht-traditionelle Wege) sind am anfälligsten
Die Progression
Erlernte Abhängigkeit -> erlernte Hilflosigkeit: Das Gefühl, Herausforderungen ohne externe Hilfe nicht bewältigen zu können, selbst wenn man die nötigen Fähigkeiten besitzt.
3. Die “Vibe Coding”-Falle
Sicherheitsrealität
- 69 Schwachstellen in 15 Apps von 5 Vibe-Coding-Tools (Tenzai, Dez. 2025)
- 61 % der KI-Lösungen funktional korrekt, aber nur 10,5 % sicher
- 45 % des KI-generierten Codes enthält Sicherheitslücken (Veracode 2025)
- Reale Vorfälle: Produktionsdatenbanken gelöscht, persönliche Daten exponiert
”Comprehension Debt”
Anders als bei traditioneller technischer Schuld hat Comprehension Debt einen “exponentiellen Zinssatz”. Sobald das Team die mentale Beherrschung der Systemlogik verliert, birgt jede nachfolgende Änderung ein katastrophales Ausfallrisiko.
Warum ADHS-Betroffene anfälliger sind
- Hyperfokus auf Shipping = Dopamin-Belohnungen, die sorgfältige Prüfung umgehen
- Impulsivität macht es schwerer, zum Verifizieren innezuhalten
- Neuheitsdrang = Weiter zum nächsten Feature, statt das aktuelle zu verstehen
- Code-Duplizierung um 48 % gestiegen, Refactoring-Aktivität um 60 % gesunken in KI-gestützten Workflows
4. Overconfidence und Dunning-Kruger
Die Overconfidence der KI selbst
- Microsoft Research: Coding-KIs sind am selbstsichersten, wenn sie am wenigsten kompetent sind, besonders in unbekannten Domänen
- Höhere KI-Kompetenz korreliert mit stärkerer Überschätzung der eigenen Fähigkeiten
Die ADHS-Verstärkung
Eine übermäßig selbstsichere KI sagt einem impulsiven, dopaminsuchenden ADHS-Entwickler, dass sein Code großartig funktioniert, obwohl keiner von beiden die Edge Cases wirklich versteht.
- Impulsivität -> “Shippen, bevor man verifiziert hat”
- Emotionale Dysregulation -> Das Hochgefühl des Shippens übertrumpft Vorsicht
- Die Lücke zwischen “Ich habe das gebaut” und “Ich verstehe das” ist für die Person selbst unsichtbar
5. Context-Switching-Schäden verstärkt
Die Zahlen
- 40 % Produktivitätsverlust durch häufiges Task-Switching
- Schon kurze Unterbrechungen können den Fortschritt für 15-30 Minuten entgleisen lassen
- ADHS-Betroffene sind messbar langsamer in Task-Switching-Tests
Der perverse Effekt der KI
- KI macht das Starten neuer Projekte trivial einfach
- Eine ADHS-Person, die durch Reibung auf 2-3 Projekte begrenzt war, kann jetzt 10 an einem Tag aufsetzen
- Jedes Projekt = neuer Kontext, der knappes Arbeitsgedächtnis beansprucht
- Hyperfokus auf das STARTEN (Neuheits-Dopamin) statt auf das FERTIGSTELLEN
Der “Doom Loop”
Ein kleiner Fehler kaskadiert in einen systemischen Zusammenbruch, weil jeder Schritt exekutive Funktionen erfordert, die nicht verfügbar sind. Mehr KI-gestützte Projekte = mehr Kaskadenpunkte.
6. Das Kreativitäts-Medikations-Paradoxon
Die Befunde
- Unmedizierte ADHS-Kinder schneiden beim divergenten Denken besser ab
- Adderall beeinträchtigt bereits kreative Menschen, hilft weniger kreativen
- Es gibt keine Forschung zur Dreifach-Interaktion ADHS + Medikation + KI
- Gesamte Forschungsbasis: weniger als 6 Studien, weniger als 250 Teilnehmer
Das Doppel-Klemmen-Szenario
Medikation verengt assoziative Netzwerke (reduziert Kreativität) + KI produziert statistisch durchschnittliche Outputs = Der kreative Vorsprung geht von beiden Seiten gleichzeitig verloren.
7. Selection Bias in Erfolgsgeschichten
Von wem wir hören
Wir hören von ADHS-Betroffenen, die MIT KI ERFOLGREICH waren. Wir hören nicht von:
- Denen, die Prompting als kognitiv zu belastend empfanden
- Denen, die süchtig nach KI-Interaktion wurden
- Denen, die fehlerhafte Produkte per Vibe Coding ausgeliefert haben
- Denen, deren Bewältigungsstrategien durch KI-Tools gestört wurden
Demografische Verzerrung
- Forschung zu ADHS-Karriereerfolg zeigte vorwiegend weiße Männer
- Übersieht kumulative Effekte von ethnischer Herkunft und Geschlecht
- KI-Prompting selbst erfordert exekutive Funktionen. Das arXiv-Paper zur neurodivergenten Perspektive fand es “kognitiv belastend”
KI-Bias gegen Neurodivergenz
- KI bewertete “I have autism” negativer als “I am a bank robber”
- KI “korrigiert” Kommunikationsstile und entfernt dabei die authentische neurodivergente Stimme
- Die meisten KI-Frameworks spiegeln neurotypische Annahmen wider
8. Das Romantisierungsproblem
Warum “ADHS = Superkraft” schädlich ist
“Warum sollte jemand mit Superkräften Anpassungen, Hilfe, Modifikationen oder Empathie brauchen?” — Inflow
- Kippt von Optimismus zu toxischer Positivität
- Invalidiert echtes Leiden
- Funktioniert als Behinderungsleugnung
- “Neurodiversity lite” betont modische Andersartigkeit, lässt aber Behindertenrechte aus
- Dient primär Menschen mit leichter bis moderater ADHS + Privilegien + bestehenden Tech-Fähigkeiten
Die Warnung des Kennedy Krieger Institute
Neurodivergenz als Superkraft zu framen kann:
- Die Vorstellung verstärken, dass man außergewöhnlich sein muss, um wertgeschätzt zu werden
- Druck erzeugen, ständig Stärken zu betonen
- Unbeabsichtigt ableistische Standards aufrechterhalten
Die ausgewogene Position
Was STIMMT
- Es gibt eine reale Passung zwischen ADHS-Denkmustern und KI-gestützten Workflows
- Divergentes Denken hilft tatsächlich beim kreativen Prompting
- KI kompensiert tatsächlich spezifische ADHS-Defizite (Arbeitsgedächtnis, Abruf, Planung)
- Das Explore-Exploit-Mapping ist wissenschaftlich fundiert
Was Leitplanken braucht
- Bewusste Beschränkungen gegen KI-Sucht/Abhängigkeit
- Gezielter Kompetenzaufbau parallel zur KI-Nutzung
- In den Workflow integrierte Security-Review-Gewohnheiten
- Ehrliche Selbsteinschätzung: Verstehen vs. Ausliefern
- Projektumfang-Limits zur Vermeidung von Context-Switching-Schäden
Was nicht behauptet werden darf
- Dass ADHS “perfekt geeignet” für KI ist (es hat SOWOHL Vorteile ALS AUCH Verwundbarkeiten)
- Dass Medikationsentscheidungen von KI-Workflow-Überlegungen beeinflusst werden sollten
- Dass Erfolgsgeschichten die typische ADHS-Erfahrung repräsentieren
- Dass ADHS eine Superkraft ist, statt eine echte Behinderung mit echten Vorteilen in spezifischen Kontexten
- Dass alle ADHS-Betroffenen gleichermaßen profitieren werden
Die erfolgreichen ADHS-KI-Entwickler beschreiben alle dasselbe Muster: Bewusste Beschränkungen, die Kreativität kanalisieren und gleichzeitig verhindern, dass Ablenkbarkeit sie aus der Bahn wirft. Die KI ist Teil des Systems, nicht das ganze System.
Ein Einblick in dein Gehirn pro Woche
Forschungsbasiert, kein toxischer Optimismus. ADHS verstehen, eine E-Mail nach der anderen.
Kein Spam. Jederzeit abmelden.